Tourtagebuch: Tag 6. Varadzin – Zagreb (84 km)

Nach einer erholsamen Nacht in der Pension Maltar steht als nächstes Ziel die Haupstadt, Zagreb, auf dem Plan. Die Planungen, die ich zur Strecke im Vorfeld gemacht habe, sind allenfalls vage und ich hatte mich damals darauf verlassen, vor Ort die neuen nötigen Informationen zusammenzutragen, zumal ich gelesen hatte, dass Varadzin relativ gut auf Radfahrer eingestellt ist. Tatsächlich gibt es hier ausgeschilderte Radwege und sicherlich noch weitaus mehr Infos für all diejenigen, die länger dort verweilen, wir jedoch stehen wie stets etwas unter Zeitdruck.
Der Zufall hilft uns hier einmal mehr weiter. Nach dem wirklich guten Frühstück packen wir im Hinterhof unsere Sachen, als der Hotelier zu uns tritt und uns nach unseren Fahrtplänen fragt. Wir erzählen ihm vom Plan, nach Zagreb zu fahren und er hat auch sofort einen Tipp parat: direkt vor dem Hotel verläuft die alte Hauptstraße 510 / 3 nach Zagreb, die seit dem Ausbau der Autobahnverbindung und der damit verbundenen Entlastung wie er sagt auch sehr gut mit dem Rad zu befahren sei. Im Grunde genommen müssten wir also einfach nur 70 Kilometer geradeaus fahren. Zudem gibt er uns diverse weitere Reisetipps und schwärmt vor allen Dingen von Zadar und der “Meeresorgel” dort, die wir jedoch letztlich leider nicht besichtigen.

Mein erster, recht vager Plan die Stadt in westlicher Richtung zu verlassen wird also verworfen. Die empfohlene zweispurige Überlandstraße nach Zagreb ist die erste Straße auf unserer Radreise, auf der teilweise wirklich steile Steigungen und längere Abfahrten zu meistern sind. Anfangs durchqueren wir das Varadziner Umland mit kleineren Siedlungen, später fahren wir praktisch parallel zur Autobahn durch leicht bewaldetes Gebiet. Je näher wir Zagreb kommen, desto weniger hügelig wird es. Schließlich stehen wir tatsächlich an der Stadtgrenze und besorgen uns erstmal bei einem Straßenverkauf etwas Obst.

Die Fahrt in das Zentrum aus östlicher Richtung zieht sich sehr lange hin und gefällt uns nicht sonderlich. Es ist Samstag, im Zagreber Stadion findet ein Fußballspiel der Nationalmannschaft statt und die ganze Stadt ist voll von Fans und Touristen. Es herrscht unheimlich viel Verkehr und an Radfahrer hat man bei der Stadtplanung offensichtlich nicht gedacht. Autos und Straßenbahn teilen sich die Straße, die Gehsteige enden abrupt in hohen Kanten. Wir kommen nur langsam voran und steuern die Jugendherberge an. Hier checkt vor uns eine Gruppe von ca. 20 amerikanischen Jugendlichen ein – die Zimmer sind hoffnungslos ausgebucht, nur mit Voranmeldung gäbe es überhaupt eine Chance, so der sichtlich genervte Mitarbeiter. Einen Camppingplatz, der auf meiner Karte im Westen eingezeichnet ist, gibt es seiner Aussage nach nicht. Ich zweifle daran, aber es ist sowieso zu spät, um es auszuprobieren.

Ich telefoniere etwas herum und schließlich checken wir in ein nicht ganz billiges Hotel am Busbahnhof ein. Ein Traum wird wahr: endlich darf ich in einem Hotel übernachten, an dessen Fassade vor meinem Fenster eine billige Neonreklame hängt. Wir trinken Karlovac und schauen Fußball. Ich nerve Daphne so lange, bis wir noch was essen gehen. Auf trocken Brot und Käsereste habe ich nach 84 Kilometer radeln kein Bock, etwas richtiges muss her. Unbekümmert schickt uns der Hotelier zum Busbahnhof, etwas anderes sei in der näheren Umgebung zu dieser späten Stunde (halb elf) nicht mehr offen.
Wir laufen zunächst etwas in der Gegend herum und überzeugen uns von der Richtigkeit dieser Aussage und kehren dann zum besagten Busbahnhof zurück.
Der Busbahnhof wirkt so, wie Busbahnhöfe eben so wirken: vergammelt, verdreckt, nicht einladend, mit z.T. obskuren Gestalten. Im ersten Stock einer weitgehend bereits geschlossenen Art Einkaufspassage entdecken wir einen richtig speckigen Burger Imbiss, ähnlich wie das “Zum Zum” oder dergleichen. Wir setzen uns. Es gibt Bier und Burger, während wir halb überdacht die nächtlichen Besucher des Busbahnhofs begutachten, die teils schlafend, teils herumlungernd ihre nächtlichen Busse nach Irgendwo abwarten. Auf dem Weg zurück ins Hotel erkennen wir, dass die umliegenden Bäckereien alle noch offen sind und zugleich eine Art Spätverkauf für Getränke darstellen, was wohl als Zagreber Eigenheit gewertet werden kann.
Zurück im Hotel genehmige ich mir bereits vollkommen k.o. das berühmte Bier zu viel und schaue mir bis halb zwei nachts irgendein fiktionales, sinnloses jedoch mitreißendes französisches Drama im deutschen Fernsehen an, das man dort empfangen kann, während Daphne selig schlummert.

Geradelt: 84 km
Hotel Slisko, Zagreb, Doppelzimmer ca. 73,- €
Tipp: entweder vorbuchen oder einfach nicht am Wochenende ankommen

Das miese Gewitter ist vergessen, gemütlich war's im Hotelbett! Nette Leut allerorten in Varadzin.

Das miese Gewitter ist vergessen, gemütlich war's im Hotelbett! Nette Leut allerorten in Varadzin.

Bei Sonnenschein ungleich toller: Varadzins Altstadt I

Bei Sonnenschein ungleich toller: Varadzins Altstadt I

Bei Sonnenschein ungleich toller: Varadzins Altstadt II

Bei Sonnenschein ungleich toller: Varadzins Altstadt II

Gold wert: lokale Stadtpläne, die in früh schließenden Touri-Infos mitgenommen werden können.

Gold wert: lokale Stadtpläne, die in früh schließenden Touri-Infos mitgenommen werden können.

Für mich eine der Überraschungen dieser Tour: die komplett gut zu fahrende Strecke nach Zagreb.

Für mich eine der Überraschungen dieser Tour: die komplett gut zu fahrende Strecke nach Zagreb.

Ein Traum wird wahr! Direkt  vor meinem Hotelzimmerfenster leuchtet eine Neonreklame und ich schaue auf eine abgefuckte Ecke in der Nähe des Busbahnhofes. Vorsicht vor Touristennepp: ist hier verbreitet.

Ein Traum wird wahr! Direkt vor meinem Hotelzimmerfenster leuchtet eine Neonreklame und ich schaue auf eine abgefuckte Ecke in der Nähe des Busbahnhofes. Vorsicht vor Touristennepp: ist hier verbreitet.


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