Tourtagebuch: Tag 10. Otocac – Lukovo (ca. 77 km)
Nach einer erholsamen Nacht im Hotelzimmer, das bis auf einen defekten Schrank eigentlich ganz ok war, steht für uns directement die Überquerung des Velebit-Gebirges auf dem Plan, die ich schon seit den ersten Planungen im Dezember des Vorjahres fürchte. Trotzdem erscheint es uns aus irgendeinem Grund logisch, nach dem ersten sofort das zweite Gebirge zu überqueren. Das Velebit-Gebirge ist im Gegensatz zum Mala Kapela wesentlich schroffer und steiler. An manchen Stellen steigt es bis auf über 1.800 Meter an, ehe es jäh zum Mittelmeer hin abfällt.
In Duga Resa hatte ich ja beschlossen, das Gebirge von Otočac aus durch den Nationalpark Velebit zu überqueren und nicht etwa die mir zunächst empfohlene Route Richtung Senj zu nehmen, was sich im Nachhinein als sehr gute Entscheidung herausstellt. Ein Autobahnzubringer nämlich versorgt die Route gen Senj mit zusätzlichem Autoverkehr, dem wir natürlich gerne aus dem Weg gehen. Statt dessen fahren wir also eine Straße ca. 8 km weiter südlich, die in die Adria Magistrale kurz hinter dem Ort Sventi Juraj mündet und die auch als (gelbe) Hauptstraße ausgezeichnet ist. Was das hier unter anderem auch bedeuten kann, hatten wir ja tags zuvor im Mala Kapela erlebt.
Bevor wir uns an den Anstieg machen, lassen wir uns zunächst jedoch das extrem miese Frühstück im Hotel Zvonimir reichen und trinken anderswo noch Espresso, bewundern den unglaublich klaren Fluss Gacka, in dem man scheins sehr gute Forellen erangeln kann, und pflücken Pflaumen am Wegesrand. Schließlich lassen wir Otočac hinter uns und dringen gegen 13 Uhr tiefer in die Region “Lika” ein, wie diese bergige Land genannt wird.
Die Straße ist gerade frisch geteert und in einem sehr guten Zustand. Bald liegen die letzten Häuser hinter uns und wir müssen auf kurviger jedoch gut ausgebauter Strecke permanent zwischen 8 und 12 Prozent Steigung meistern. Wir freuen uns, denn es herrscht fast gar kein Autoverkehr, manchmal nur kommen uns Holzlaster entgegen. Im dritten, vierten, fünften Gang kommen wir ganz gut voran – gleichmäßiges kurbeln, um Rad samt Fahrer und Gepäck den Berg hochzubringen. Schneller als gemeinhin angenommen erreichen wir bereits eine passable Höhe und somit Aussicht und bleiben erstmal ein Weilchen ergriffen stehen. Schnell sinkt auch die Temperatur je höher wir steigen und wir stellen uns mal wieder die Frage, was man am besten anziehen soll, wenn man einerseits schwitzt, andererseits aber auch friert. Es ist stark bewölkt, nur selten schaut mal die Sonne durch und es hat vielleicht 17° C, gefühlt sicher weniger.
Als wir eine erste Hochebene erreichen, freuen wir uns und regen uns sofort wieder auf, denn der Weg führt erstmal wieder ein ganzes Stück nach unten, bevor wir das überaus seltsame Dorf Krasno Polje erreichen. Der Ort sieht aus wie ein im Sommer verlassener Skiort, sinnlos im Berg gelegene Hotels und Holz verarbeitende Industrie, alles recht verlassen.
Im einzig offenen Imbiss mit einer Bedienung Typ “Zum Zum” trinken wir Cola und Kaffee und lassen uns von einigen Holzfällern begutachten und belächeln, die gerade ihr Feierabendbier einnehmen.
Der darauf folgende zweite Anstieg wird ungleich schwerer, da steiler. Die Temperatur nimmt immer noch ab, ebenso die Kraft. Gegenverkehr gibt es praktisch keinen mehr, wir sind allein mit dem Berg und den grauen Wolken. Irgendwann, wir können es selbst nicht fassen, geht es nicht weiter nach oben und als wir um die Kurve biegen sehen wir es – das Meer! Wind weht von diesem her den Hang hinauf und mit einem Mal ist es gefühlte zehn Grad wärmer. Die Aussicht ist fantastisch und wir sind einfach nur glücklich, dass wir es bis nach oben geschafft haben. Es ist so schön hier oben, dass wir eigentlich gar nicht weiter hinunter wollen. Mir wird auch klar, dass wir damit endgültig die schöne Binnenlandschaft verlassen und endgültig am Meer, auf einer großen Straße, weiterreisen werden müssen. Andererseits bin ich stolz auf mich und auch darauf, dass wir nach genau 10 Tagen das Meer erreichen, exakt so, wie die Planung das vorsah.
Der Weg hinunter von über 1.000 Höhenmetern bis auf null – Meeresniveau – ist dann nochmal ein Abenteuer für sich. Nicht ohne Grund ist hier das Fahren mit Wohnmobilen und Anhängern untersagt – die Bremsen kommen hier an ihre Belastungsgrenze. Die Bremsscheiben erhitzen sich auch an den FahrärRädern sehr stark, verfärben sich und riechen. Wir entschließen uns, möglichst abwechselnd vorn und hinten zu bremsen und stoppen ab und an. Dennoch ist nach der Abfahrt meine Scheibe hinten an einer Stelle verbogen (zu heftig gebremst?). Ich kann mir deswegen auch schlecht vorstellen, wie man dieselbe Strecke mit V- oder gar Cantileverbremsen fahren sollte.
Als wir endlich auf der Küstenstraße sind, ist es Viertel nach sechs und jede Menge Anspannung fällt von uns ab – wir sind k.o. Leider nur ist die Küstenstraße in dieser Region unbarmherzig – mal auf Meereshöhe, mal aber auch 300 Meter über dem Wasser. Nach so viel Bergfahrerei quälen wir uns nun die verhältnismäßig stark befahrene Straße hinauf, noch dazu wird es dunkel. Gleich hinter der ersten Kurve wartet ein kurzes Tunnel auf uns – ohne die Möglichkeit der Umfahrung. Wir fühlen uns überfordert, die Autofahrer sind sehr schnell unterwegs. Mir wird sofort klar, dass ich nie im Leben in der Hochsaison auf dieser Straße Rad fahren würde – viel zu gefährlich.
Am Straßenrand wachsen Dornensträucher. Wie bestellt bohrt sich eine in mein Vorderrad und ich muss erstmal das Loch flicken – eine halbe Stunde vergeht.
Nach erneuten 10 Kilometern Rad fahren ist es praktisch dunkel und wir stehen 300 Höhenmeter oberhalb des uns vollkommen unbekannten Dörfchen Lukovo, in dem es laut Karte einen Campingplatz geben soll. Die Aussicht, dass wir falls wir einmal unten sind garantiert nicht wieder hoch fahren können, macht die Entscheidung schwer. Aber hier oben auf der Küstenstraße gibt es an dieser Stelle nur Stein und einen drei Meter breiten Schotterstreifen neben dem Asphalt – auch kein guter Platz zum übernachten und weiterfahren kommt nicht in Frage. Also lassen wir uns in den Ort hinunterrollen und bei jedem einzelnen Meter denke ich daran, dass ich eben diesen am nächsten Tag wieder hoch fahren muss…
Unten angekommen wirkt’s recht malerisch, es ist warm und still. Einige Omas stehen auf der Straße und quatschen, ich spreche sie an. Natürlich gibt es den Campingplatz nicht mehr aber eine Oma führt uns zu einer anderen Oma, mit der wir uns mit Händen und Füßen und Italienisch-, Deutsch- und Englischbrocken irgendwie verständigen und die uns ein winziges Zimmer – scheins ihr eigenes – für eine Nacht vermietet. Wir sind heilfroh, untergekommen zu sein.
Im einzigen Bistro direkt am Meer sind wir die einzigen Gäste und lassen uns Kalamares und Cevapcici servieren. Wir hören von draußen schon den heftigen Bora-Wind an den Fensterläden zerren. Er wird uns in den nächsten Tagen der Tour ein steter, kaum berechenbarer Begleiter sein.
Meta
Titel: Tourtagebuch: Tag 10. Otocac – Lukovo (ca. 77 km)
- Veröffentlicht:
- Mittwoch, 18.11.09 um 01:27 Uhr
- Kategorie:
- Allgemeines, Tour de Four
- Autor:
- tom
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