Tourtagebuch: Tag 9. Duga Resa – Otocac (110 km)

Am darauf folgenden Tag steht die Überquerung des ersten Gebirges auf dem Plan: das Mala Kapela. Ein waldiges karstiges Gebirge, das aber glücklicher Weise nur maßvoll ansteigt. Insgesamt zieht es sich fast von Slowenien aus, wo es Velika Kapela heißt, rund 130 Kilometer nach Nordwesten und bildet vor dem sehr viel höheren und steileren Velebit-Gebirge eine erste große Hürde.

Geplant ist, möglichst lange dem Flusslauf Mreznica und der kleinen Bimmelbahn zu folgen, die naturgemäß auch keine großen Steigungen überwinden kann. Dennoch erweist sich die Strecke bereits kurz nach Duga Resa als durchaus anspruchsvoll und steigt erstmal beständig an. Das Fahren ist jedoch sehr angenehm: die Sonne scheint, es gibt nur sehr wenig Verkehr. Im kleinen Ort Josipdol checken wir nochmal den Zugfahrplan und vergewissern uns, dass der einzige Zug, der uns tatsächlich bis nach Gospić brächte, nur über Nacht fährt, nämlich gegen 02:30h seltsamer Weise.

Wir fahren nun durch eine Region, die im Krieg unmittelbar von Kämpfen betroffen war. Links des Weges stehen teilweise schon Minenwarnschilder; einige Häuser haben tiefe Einschusslöcher, die darauf hindeuten, dass hier vor wenigen Jahren ein regelrechter Häuserkampf stattgefunden haben muss. Viele Häuser stehen leer. Erst im Ort Plaški treffen wir wieder auf richtiges Siedlungsgebiet: auch hier ist vieles zerschossen und zerstört, unter anderem auch die schöne Dorfkirche. Die Bewohner sitzen im Dorf herum und haben offensichtlich keine Arbeit.
Wir gehen in eine kleine Bäckerei: mit ein paar Brocken englisch erklärt uns die sehr nette Bäckerin, was in den Teigwaren so drin ist – mit etwas Gebäck und Apfelkuchen im Gepäck fahren wir weiter.

Bei Lička Jesinca geht’s dann endgültig auf das Mala Kapela. In meiner Karte eine gelbe Straße, das heißt Hauptstraße. Tatsächlich gelangen wir nach drei Kilometern Asphalt aber schlicht auf einen steinigen Waldweg, der auf die Berge führt. Ein geteerter Weg führt nach links ab parallel zu den Eisenbahngleisen. Meine ursprüngliche Idee im Vorfeld war, diesem Weg zu folgen. Wir überlegen einige Zeit, ob es nicht kürzer ist, die Schotterpiste durch den Wald zu nehmen, da uns hier auch einige Autos entgegen kommen. Schließlich biegen wir doch nach links ab und fahren den geteerten Weg, weniger Meter neben und einige Meter unter uns rollt ein Güterzug vorbei. Der Weg ist erst in gutem Zustand, verschlechtert sich jedoch rapide. Große Schlaglöcher tauchen auf und rechts des Weges sind verlassene, zerschossene einzelne Gebäude und Mauern, sie stehen halb im Wald. Ich fahre voraus. Der Weg wird immer schmaler, vom Wald zugewachsen, verwildert. Allmählich werde ich stutzig und bleibe dann stehen. Dieser Weg kommt mir doch irgendwie obskur vor. Als ich nach links sehe, hängt direkt neben mir im Geäst keine zwei Meter entfernt ein weißer Plastikstreifen mit dem schwarz aufgedruckten Wort “Mine”. Da geht mir ein Lichtlein auf! Ich sage Daphne, dass sie sofort stehen bleiben soll und schiebe mein Rad vorsichtig zurück. Wir sind mitten in ungeräumtes Minengebiet gefahren! Also doch zurück zum Schotterweg, wir haben keine Wahl.

Der Aufstieg ist anstrengend und zieht sich hin. Mit etwa max. 10 km/h radeln wir den unbefestigten Weg hoch und ich kann nicht genau sagen, wann sich die Piste verbessern wird. Einige wenige, insgesamt vielleicht 10 Autos kommen uns entgegen und wir werden immer freundlich gegrüßt. Vermutlich hält man uns für komplett beknackt. In unsere Richtung fährt keiner. Mitten im Wald, immer noch im Minengebiet, wenngleich auf der Hauptstraße, fahren wir an einem scheinbar verlassenen, zerschossenen Bauernhaus vorbei. Bei näherem Hinsehen jedoch entdecke ich Spuren eines Bewohners – Wäsche, Abfall – unheimlich irgendwie, in solch einer einsamen und gefährlichen Gegend zu wohnen. Mein Plan, unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit im nächsten größeren Ort zu sein erhält nochmal Auftrieb.

Schließlich erreichen wir ein Hochplateau – es ist wunderschön hier, die Natur wie unberührt und zugleich zerstört durch den Krieg. Hier gibt es wohl auch Bären, Luchse und Wölfe – es wächst sprichwörtlich Gras über den Krieg.
Nach einer Abfahrt tauchen wir in das Tal von Dabar ein – ein fast unberührtes Dorf in dem die Omas vor ihren Häusern sitzen und uns halb überrascht, halb erfreut beobachten und grüßen. Es ist halb fünf und ins Tal reicht die Sonne schon nicht mehr hinein. Wir müssen noch ein letztes Mal den Berg hinauf und in den Wald hinein, diesmal auf einer geteerten Straße, ich rechne mit einer Stunde bis zur Dämmerung. Wir queren mehrere Denkmäler, die für die gefallenen Soldaten aufgestellt wurden. Die meisten waren jünger als wir, als sie hier zu Tode kamen.
Wir strampeln uns einen ab, da wir nicht bei Dunkelheit im Wald sein wollen. Eine Stunde später rollen wir auf Otočac zu, wo wir nach einiger Zeit ein hässliches Hotel finden, in dem wir leider auch noch zu abend essen (unangemessen teuer für den Gegenwert). – Aber nach dieser langen Etappe wollen wir einfach nur noch duschen, essen und schlafen.

Empfehlung: Mala Kapela Gebirge – anstrengend, gefährlich, aber wunderschön
Keine Empfehlung: Hotel Zvonimir, Otočac


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